Vertrauen auf falsche Prophetie

So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, dass es bleibe als Zeuge für immer und ewig. Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Kinder, die nicht hören wollen die Weisung des Herrn, sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«, und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was täuscht! Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! Lasst uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!«

Darum, so spricht der Heilige Israels: Weil ihr dies Wort verwerft und vertraut auf Frevel und Mutwillen und verlasst euch darauf, so soll euch diese Schuld sein wie ein Riss, der aufbricht und klafft an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt, wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerstößt ohne Erbarmen, sodass man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herd oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen.

Denn so spricht Gott der Herr, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein. Aber ihr habt nicht gewollt und spracht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen. Denn tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen, ihr alle vor dem Drohen von fünfen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.

Liebe Gemeinde,

Wir stehen am Ende des Jahres 2018. Wenn wir zurückblicken, dann fällt uns so manches ein, das uns im vergangenen Jahr Sorge bereitet hat, und das uns vielleicht auch im Kommenden noch nachhängen wird: Streit in der Familie, Ärger im Beruf, Sorge um die Gesundheit oder andere Dinge. Ja, so mancher wird sich Gedanken machen zum Jahreswechsel und sich fragen: »Wie kann ich nur die eine oder die andere Sache ändern? Und: Habe ich überhaupt die Möglichkeit dazu? Den nötigen Willen Die Kraft? Und was ist mit den Dingen, die ich nicht ändern kann, die nicht in meiner Macht stehen?«

Auch die große Politik macht sich zum Jahreswechsel so ihre Gedanken. Rückblick, Fazit ziehen, Ratschläge für die Zukunft. Die Themen liegen auf dem Tisch und betreffen uns alle: Der Klimawandel, die Schulden-Krise, erstarkender Nationalismus, weltweite Migration. Scheller Ausstieg aus der Kohle. Man will auf erneuerbare Energien setzen. Wind und Sonne. Strom der von oben kommt und unbegrenzt zur Verfügung steht. Wenn das nur alles so einfach wäre.

Kraft und Energie von oben, das wünschen wir uns im neuen Jahr auch von Gott. Erneuerbare Energie, die von oben kommt und unbegrenzt zur Verfügung steht. Auftanken für die Seele, für unser ganz persönliches Leben mit all seinen Schwierigkeiten, die es auch im nächsten Jahr wieder zu meistern gilt.

Heute am Altjahrsabend, wo wir uns all diese Dinge wünschen, haben wir den Propheten Jesaja zu Gast. Denn er hat eine Botschaft für uns. Oder besser: er will uns etwas zeigen: einen Weg, um zu neuer Energie im Glauben zu kommen. Allerdings ist der Prophet auch ehrlich: dieser Weg ist nicht einfach und bequem, sondern mühsam und beschwerlich. So sieht sein Weg aus:

Am Anfang steht die Umkehr. Nur durch sie kommt man zu neuer Kraft.

Klar ist: Der Prophet richtet sein Wort zunächst einmal an Israel im Jahr 700 vor Christus. Das Volk befindet sich in großer Gefahr: Zwei Großmächte streiten um das kleine Land. Im Norden sind es die Assyrer, im Süden der Erzfeind Ägypten. Mit welchem von Beiden soll man sich gut stellen? Mit welchem sich am besten verbünden? Assur ist ein junger, aufstrebender Staat. Man kennt ihn nicht so genau. Bei den Ägyptern dagegen weiß man, woran man ist. Gewiß wird auch da ein hoher Preis zu zahlen sein. Aber es ist von beiden wohl das kleinere Übel.

Doch die Bündnisse mit Ägypten waren brüchig zu jener Zeit. Das Land der Pharaonen hatte seine Glanzzeit schon lange hinter sich, und war selbst mit vielen Problemen beschäftigt. Jesaja erkannte das sehr schnell. Ägypten kann nicht die Lösung sein. Noch kann Israel einen dritten Weg gehen: Schutz und Sicherheit bei keinem der beiden heidnischen Völkern suchen, sondern ganz allein der Treue und dem Handeln Gottes vertrauen. Seine Botschaft an das Volk: »Verlasst euch nicht auf falsche Heilsversprechen, sondern auf Gott allein. Kehrt um! Solange noch Zeit dazu ist.«

Diese Ermahnung ist zeitlos. Deshalb sie trifft auch uns. Auch wir mögen uns fragen: Auf wen oder auf was setzten wir im vergangenen Jahr unsere Hoffnung, wem haben wir vertraut in schlaflosen Nächten, wohin uns gewendet bei unseren Sorgen und Nöten? Auf welchen Bestand gesetzt, auf welche Ratgeber gehört? Auf uns selber? Auf unsere eigenen Fähigkeiten? Oder auf Ratgeber, die am lautesten waren und uns am meisten beeindrucken? Doch eigentlich könnten wir es besser wissen: Gott hat uns mit so vielen Gaben gesegnet. Er hat unser Leben reich gemacht. Er war bei uns in guten Zeiten. Sollten wir dann nicht auch in schweren Zeiten auf ihn vertrauen? Stattdessen sichern wir uns lieber anderswo ab.

Eine derartige Schaukelpolitik ist auch Propheten Jesaja ein Greuel. Das begann schon in den Frühzeiten Israels. Gott hatte das Volk aus der Unterdrückung Ägyptens herausgeführt und vierzig Jahre lang durch die Wüste begleitet. Am Ziel angekommen war das ganz schnell wieder vergessen. Schließlich waren jetzt andere Themen dran. Die Felder müssen bebaut werden. Die Grenzen sind zu befestigen. Da muss man doch Vorsorge treffen. Sich überall absichern. Und dazu gehörten dann eben auch die Gottheiten der Kanaanäer. Götter der Fruchtbarkeit und des Krieges.

Doch dem Gott Israels ist das natürlich ein Gräuel. Er ist nicht einer unter Vielen. Er allein ist der Schöpfer der Welt. Daran führt kein Weg vorbei. An ihm führt kein Weg vorbei. Dies zu erkennen ist der Beginn der Umkehr. Erst dadurch werden Kräfte freigesetzt, die uns rechtes Handeln leichter machen.

Damit sind wir beim zweiten Schritt, den Jesaja weist: Neue Kraft gewinnen in der Stille unter dem Wort Gottes.

Das ist eine Erfahrung, auf die wir Christen immer wieder zurückgreifen können. Da fällt uns ein vertrautes, aber längst vergessenes Bibelwort wieder ein. Oder man entdeckt eine neue Stelle, die einem bisher noch nicht begegnet war. In der Stille das Wort wirken lassen. Das sollten wir uns öfters einmal gönnen im Neuen Jahr. Inmitten der Eile des Alltages zur Ruhe kommen, in der Bibel "surfen" und ein tröstendes oder auch mahnendes Wort entdecken. Orientierung suchen, wo andere Überlegungen nicht weiterführen. So wie es uns Maria an Weihnachten vorgemacht hat: »Sie aber behielt diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.«

Wer das Wort im Herzen bewegt, der bleibt Gott nahe, der sucht nicht nach anderen, zweifelhaften Hilfsmitteln. Das Wort »im Herzen bewegen«. Es immer wieder neu entdecken und sich im Alltag zunutze machen. Dann gewinnen wir neue Kraft in der Stille. Neue Kraft, die wir brauchen, um das Schwere zu tragen, das uns auch im kommenden Jahr auferlegt ist. Und doch in der Gewissheit, dass Gottes guter Segen uns immer darin begleitet. Im neuen Jahr. Amen.