Liebe Gemeinde, liebe Jubelkonfirmandinnen und -konfirmanden, heute ist ein ganz typischer „Weißt du noch“-Tag. Denn viele Gespräche beginnen an einem solchen Tag mit diesen Worten. „Weißt du noch damals? Das Kleid? Der Pfarrer so und so?“ Man erinnert sich an so manches Ereignis. Obwohl es nun doch schon lange zurück liegt. Für zwei unter Ihnen schon 75 Jahre. Aber auch 70, 65, 60 oder 50 Jahre sind eine lange Zeit. Und auch 25 Jahre, auf die unsere Silbernen Konfirmandinnen und Konfirmanden zurückblicken, sind keine kleine Spanne, auch wenn das im Vergleich fast so wirken mag. Auf jeden Fall gibt es eine Menge, an das man sich erinnern könnte. Da gibt es natürlich all die privaten und individuellen Ereignissen, von denen Sie natürlich selbst am Besten Bescheid wissen. Aber auch die große Geschichte der damaligen Zeit war sehr spannend. Und das ist für manche Zeiten ein viel zu harmloses Wort.

So wie im Frühjahr 1944. Es war noch mitten im Zweiten Weltkrieg. Im Osten drang die Rote Armee nun mehr und mehr vorwärts. Leningrad war von der Blockade der Deutschen befreit worden. Und nun näherten sich die Front der ostpreußischen Grenze. Der Krieg kehrte nach Deutschland zurück, langsam aber unaufhaltsam. Und auch im Westen wurde das Ende des Nazi-Regimes vorbereitet. Im Süden Englands sammelten sich die Truppen der Amerikaner und Briten, die bald am sogenannten D-Day nach Frankreich übersetzen und Europa von Westen erobern und befreien sollten. Ich weiß nicht, was Sie in den Kriegsjahren erleben und erleiden mussten. Doch auch in diesen Zeiten gab es trotz aller Kriegswirren ein normales Leben. Menschen, die leben und arbeiten, lachen und weinen, Träume haben und sich verlieben. Eine tiefe Sehnsucht, die man auch in der Unterhaltungsmusik dieses Jahres sehen kann. Hans Albers singt in „La Paloma“ von der großen Freiheit auf der See. Oder Marika Rökk besingt im Schlager „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“ die große Liebe. Und auch in diesen Zeiten, wurden junge Menschen konfirmiert. Auch in diesen Zeiten hörten Sie Gottes Wort und hatten Gelegenheit „Ja“ zu ihrer Taufe zu sagen. Ich hoffe, dass Ihre Konfirmation für Sie ein Lichtblick ist und war, wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurück schauen, vor allem auch auf die schweren Zeiten.

Fünf Jahre später hatte sich schon viel verändert. 1949, dem Jahr in dem unsere Kronjuwelenen konfirmierten, sah es in Deutschland sehr viel anders aus. Die deutsche Teilung wurde zementiert. Zwei deutsche Staaten entstanden. Im Westen die Bundesrepublik, fest eingebunden in ein demokratisches kapitalistisches Westbündnis. Im Osten die DDR, als Verbündeter der Sowjetunion und der kommunistischen Welt. Aber trotz aller politischen Spannungen war es auch eine Zeit des Aufbruchs, eine Zeit des Lebenshungers. Wieder ist es auch die Musik, die einem den Zeitgeist am besten beschreibt. So singen Goldy und Peter de Vries fröhlich „Von den blauen Bergen kommen wir“ und Rudi Schuricke ist in den Charts mit seinen „Capri Fischer“, ein Lied das von der Sehnsucht nach fernen Orten erzählt.

Etwas später, in den 50er Jahren, hatte man das Gefühl, dass es in Deutschland weiter bergauf geht. In der Bundesrepublik war damals Wirtschaftswunderzeit. Um seinen Arbeitsplatz machte sich keiner Sorgen. Und auch in der Popkultur machte sich gute Laune breit. So wurden die Charts in diesen Jahren unter anderem von Harry Belafontes „Banana Boat Song“ oder von Fred Bertelmann und seinem „Lachenden Vagabund“ angeführt. Aber auch in diesen Jahren waren dunkle Wolken am Horizont zu sehen. Der „Kalte Krieg“ drohte ständig ein heißer zu werden. Atomare Mittelstreckenraketen wurden in Europa stationiert. Der „Sputnik“ ein erster künstlicher Satellit wurde von den Sowjets ins All geschossen. Der Westen erschrak vor den technischen Fähigkeiten der kommunistischen Welt. Und wegen des Zankapfels Westberlin war ein Krieg mitten in Deutschland jederzeit möglich.

Auch weitere zehn Jahre später, in den 60er Jahren, ist die Großwetterlage nicht wirklich ruhiger geworden. Der Kalte Krieg liegt weiter über allem, aber vielleicht noch spannender sind die innenpolitischen und gesellschaftlichen Stürme, die in diesen Jahren ausbrachen. Die 68er Bewegung, sie ist namensgebend geworden für eine ganze Epoche. Es waren Zeiten, in denen die Gesellschaft gespalten war, wie selten. 1969 waren ihre Auswirkungen noch deutlich spürbar. Die junge Generation wollte sich nicht mehr alles gefallen lassen. Viele Autoritäten wurden in Frage gestellt. Das ganze muffige Gesellschaftsbild wurde angegriffen. Andere aber wollten ihre Ruhe und fühlten sich genau darin wohl. Man sieht das auch wieder an den Musikcharts dieser Jahre. Auf der einen Seite findet man dort zum Beispiel „Jumpin´ Jack Flash“ von den Rolling Stones. Ein Lied, das nach Aufruhr klingt, dessen Text auch den Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Und auf der anderen Seite, und noch erfolgreicher, war „Heidschi Bumbeidschi“. Ein Lied in dem der holländische Kinderstar Heintje von der heilen Welt singt. Und noch ein Ereignis aus dem Jahr 1969 ist unvergessen: Zum ersten mal fliegen Menschen auf den Mond. Und Neil Armstrong spricht seine berühmten Worte: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit“, als er als erster einen Fuß auf den Mond setzt.

Und wir springen noch einmal in der Geschichte nach vorne. Diesmal in die 90er Jahre. 1994 wurden unsere Silbernen konfirmiert. Im Vergleich zu den schweren Zeiten der Vergangenheit waren es gute Jahre, auf die wir blicken. Der Kalte Krieg war endgültig vorbei. Deutschland war wiedervereinigt. Einen Ostblock – eine Sowjetunion gab es nicht mehr. In dieser Zeit wurde die EU, wie wir sie heute kennen, gegründet, 92 mit dem Maastricht-Vertrag. Ein großes Projekt, das Frieden und wirtschaftliches Wachstum versprach, war damit verbunden. Doch auch in diesen Jahren war nicht alles gut. Die Wiedervereinigung sorgte leider auch für große soziale Spannungen. Arbeitslosigkeit und Frustration waren die Folge. Und auch das Gespenst des Rechtsradikalismus trieb in Deutschland sein Unwesen. In Ost und West. Aber es gab auch ein großes Zeichen der Hoffnung und des Friedens. In Südafrika endete die Apartheid, der jahrelang inhaftierte Nelson Mandela kam frei und setzte all seine Kraft in die Versöhnung mit den einstigen Feinden. Und so vielschichtig wie die Zeiten, war auch die Musik der 90er Jahre. Es war eine Hochzeit für elektronische Musik, wie etwa Marushas Hit: „Somewhere over the rainbow“. Berühmt waren auch Ace of base, etwa mit „The sign“. Aber es gab auch ruhige und nachdenkliche Stücke. Etwa „The Streets of Philadelphia“ von Bruce Sprinsteen.

In all diesen verschiedenen Zeiten, gab es junge Menschen, die hier in dieser Kirche zusammengekommen sind um ihr Bekenntnis zu Gott, ihr „Ja“ zum Glauben abzulegen. Es ist das „Ja“ zur Überzeugung, dass Gott uns Menschen auf all unseren Wegen begleitet. Durch alle Wirren hindurch. In unserem heutigen Predigttext geht es auch um eine Begleitung auf einem Weg. Da wird uns von zwei Jüngern Jesu erzählt, die unterwegs sind. Auch für sie sind es schwere Zeiten. Drei Tage ist es erst her, da war ihr Jesus, ihr Herr und Meister, grausam getötet worden. Man kann es sich kaum vorstellen. Eine Welt muss für diese Männer zusammengebrochen sein. So viele Hoffnungen hatten sie in Jesus gesetzt. Und nun war er tot. Doch dabei blieb es nicht. Plötzlich gab es da ganz verwirrende Berichte, von den Frauen, die das Grab besucht hatten. Ein Bericht, dass der Körper Jesu verschwunden sei. Die Leiche war weg.

Die Jünger sagen es eindeutig. Sie wurden erschreckt von diesen Geschichten. Keineswegs erzeugte das bei den Jüngern Hoffnung. Keineswegs glaubten sie an die Auferstehung und daran, dass der Glaube und die Liebe stärker als der Tod seien.

Und nun waren die beiden unterwegs. Voller Zweifel und sicher auch Angst. Angst vor der Zukunft und Zweifel daran, ob  der ,auf den sie all ihre Hoffnung gesetzt hatten, sie letztlich nur enttäuschen würde. Dass dieser Jesus wohl doch nicht so mächtig war, wie sie geglaubt hatten.

Doch genau in diese Zweifel und Angst hinein kommt einer. Genau in diesem Moment kommt da dieser fremde Mann und redet mit ihnen. Und geht mit ihnen diesen Weg. Er hört all ihre Sorgen, nimmt diese ernst. Er begleitet sie, er will sie stärken und ihnen die Augen öffnen. Denn es ist niemand anderes als Christus selbst, der sie auf ihrem Weg begleitet. Die zwei Jünger merken das erst mal nicht. Doch sie lassen sich von dem vermeintlich Fremden erklären, was all das zu bedeuten hat. Und sie tun instinktiv das richtige. Sie bitten Jesus bei ihnen zu bleiben, ohne zu wissen, dass es Jesus ist. „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ Ein starker Satz. Sie spüren, dass sie seinen Beistand brauchen. Nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Es ist ein Spruch, den jeder Konfirmand und jede Konfirmandin aus der Thomaskirche Eysölden kennen sollte. Denn er steht auf unserem Altarbild. Jesus ist bei seinen Menschen. Er kam in der dunkelsten Stunde zu ihnen und begleitete sie auf ihrem Weg. Und er blieb bei ihnen als sie ihn darum baten. „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Weg und die Schrift öffnete?“ so sagen die Jünger hinterher. Nachdem sie ihn erkannt hatten.

Auch Sie alle, haben sicherlich so manche schwierige und dunkle Wegstrecke hinter sich gebracht. Zu Beginn meiner Predigt habe ich so manches Gute und Schlechte aus der Geschichte erzählt. Noch viel mehr aber hat viele von Ihnen bestimmt ihre ganz persönliche Geschichte bewegt. Manchmal mehr oder weniger eng mit der so genannten „großen“ Geschichte verbunden. Und manchmal auf ganz eigenen Wegen. Sie haben Schönes und Übles erlebt. Doch in der Konfirmation haben Sie „Ja“ gesagt zu Gott und zu seiner Begleitung in Ihrer ganz persönlichen Geschichte. Schon in der Taufe hat Gott versprochen uns nicht alleine zu lassen. Manchmal erkennen wir ihn nicht. Wie die beiden

Jünger Jesus nicht erkannt hatten auf ihrem Weg. Es gibt sie, die dunklen Zeiten des Lebens, in denen man sich wirklich verlassen fühlt. In denen man zu Gott rufen will und sagen: „Wo bist du? Warum muss das jetzt sein? Hast du mich verlassen?“ Wer schon einen lieben Menschen verloren hat, kennt solche Momente vielleicht. Wer schlimme Krankheiten erlebt und Zeiten der Not durchmachen musste.

Bei all dem ist Gott bei uns. Schon in der Taufe hat er uns das versprochen.

Auch unsere Jünger in der Geschichte, haben es erst im Nachhinein gemerkt. Aber es ändert nichts daran: Gottes Begleitung durch alle Höhen und Tiefen durch alle Wege des Lebens ist uns gewiss. Er ist da. Manchmal unsichtbar oder versteckt. Manchmal spürbar und offensichtlich. Das gilt für unseren ganzen Lebensweg. Und auch darüber hinaus. Denn auch der Tod kann uns von Gottes Liebe und Begleitung nicht trennen.

Und in diesem Glauben und mit dieser Hoffnung dürfen wir diesen Weg gemeinsam weitergehen. Voller Vertrauen können wir durch die dunklen Täler und die blühenden Wiesen ziehen. Und wenn uns danach ist können wir uns immer an Gott wenden und ihn bitten. „Bleibe bei uns, denn es will Abende werden und der Tag hat sich geneigt.“ Uns so wird Gott bei uns bleiben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.