Maria Magdalena

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Liebe Gemeinde, liebe Familie Vatter,

der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Diesen Satz rufen sich Christen seit alters her an Ostern zu. In diesem Ruf hören wir, dass es sich um ein unfassbares Geschehen handelt. Er ist wahrhaftig auferstanden! Dieser Satz spiegelt wieder, wie schwer es ist, diese Botschaft anzunehmen. Wer etwas wahrhaftig versichern muss, dem ist klar, dass seine Botschaft nicht ohne weiteres einfach geglaubt werden wird. Und ist es nicht im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich? Ein Mensch, der auf grausamste Art und Weise hingerichtet worden ist, soll plötzlich von den Toten wieder auferstanden sein? Dieser Jesus von Nazareth, grausam gequält, verspottet und schließlich ans Kreuz genagelt, bis er starb. Er, der auf jeden Fall tot war. Auf einmal soll er wieder leben?

Viele haben mit dieser Vorstellung ihre Probleme. Es widerspricht doch dem gesunden Menschenverstand, dass ein Toter wieder zum Leben erwacht. Wer ein modernes Weltbild hat kann damit doch wohl wenig anfangen. „Wie soll das denn gehen?“ hört man so manchen fragen. „An die Auferstehung kann ich nicht glauben! Ich glaube nur was ich selbst mit eigenen Augen sehen kann!“ Solche Sätze hört man zuweilen.

Und dabei muss man noch nicht einmal ein modernes Weltbild haben, um mit der Auferstehungsgeschichte Christi seine Probleme zu haben. Schon die Zeitgenossen Jesu wollten es zum großen Teil nicht glauben, was da berichtet wurde. Es wurden allerlei Theorien gesponnen, die man immer wieder mal bis heute hört. Jesu Leichnam sei gestohlen worden. Oder er war nur scheintot und hat sich danach aus dem Staub gemacht. Richtige Verschwörungstheorien bekommt man da zu hören. Und ich sag es ganz ehrlich, ich kann die Menschen verstehen, damals und heute. Zu unglaublich ist doch die Geschichte.

Vor allem auch, da ja die Anhänger Jesu selbst ihre Schwierigkeiten mit dem Geschehen haben. Wir haben es ja gerade im Predigttext gehört. Maria Magdalena geht in aller frühe am dritten Tag nach der Kreuzigung zum Grab.

Sie ist noch immer am Boden zerstört. Sie weint. Sie will Jesus die letzte Ehre erweisen. Aber als sie am Grab ist, merkt sie schnell, da stimmt etwas nicht. Statt dem Leichnam Jesu sind da zwei Gestalten im Grab. Zwei Engel sind es, also Boten Gottes, die von der großen Wundertat kundtun. Doch Maria versteht es nicht. Sie kann diese zwei Engel nicht als Zeichen der Hoffnung, nicht als Zeichen, dass etwas Wunderbares passiert sein könnte, begreifen.

Stattdessen geht sie davon aus, dass jemand die Leiche gestohlen haben muss. Sie hält sich auch gar nicht lange mit den zwei Männern auf. Statt diese genau zu befragen, wo Jesus ist, wendet sie sich gleich wieder ab. Und dann sieht sie Jesus selbst. Doch da wird es noch merkwürdiger. Maria erkennt Jesus nicht, nein, sie hält ihn für einen Gärtner. Den Mann, der für sie das ein und alles war, dem sie nachgefolgt ist, der sie geheilt hat. Diesen Mann erkennt sie nicht? Schon merkwürdig. Wie kann das sein? Auch Maria kann sich wohl nicht vorstellen, dass da jetzt wirklich ihr Jesus vor ihr steht. Sie kann nicht glauben, dass er auferstanden ist. Dass er nicht mehr tot ist. Das ist für sie wohl so klar, dass sie diese Möglichkeit gar nicht in Erwägung zieht.

Doch dann gibt es doch eine plötzliche Wendung. Jesus braucht dazu nur ein Wort: „Maria!“ Er spricht sie mit ihrem Namen an. Und jetzt, ja jetzt, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. „Rabbuni“ sagt sie; also „Meister“. Jetzt erkennt sie ihn endlich.

Ich meine es ist kein Zufall, dass Maria Jesus genau in dem Moment erkennt, in dem Jesus ihren Namen sagt. „Fürchte dich nicht. Denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ So spricht Gott im Jesajabuch. Indem Jesus sie mit ihrem Namen anspricht entsteht eine besondere Verbindung. Es ist ein sehr inniger Moment. Nun da Maria persönlich angesprochen wurde, da erst erkennt sie, dass Christus lebt. Alles vorherige, dass sie mit ihrem Verstand und ihren Sinnen erfassen konnte, das hat nicht ausgereicht.

Vorher blieb sie für diese Erkenntnis verschlossen. Selbst das leere Grab mit zwei Engeln, ja Jesus selbst, leibhaftig vor ihr stehend, halfen da nichts. Der Verstand allein kann die Auferstehung Jesu nicht erfassen, nicht verstehen.

Erst als Christus selbst Maria ansprach, hat sie es erkannt. Begann sie zu glauben, dass er wirklich lebt. Ich glaube, dass ist eine entscheidende Erkenntnis, wenn wir uns über die Frage Gedanken machen, wie man wirklich an die Auferstehung Jesu als moderner, gebildeter Mensch glauben kann. Es geht um die Erkenntnis, dass wir, jeder einzelne von uns, mit der Auferstehung direkt angesprochen sind. Die Geschichte von der Auferstehung ist eben nicht ganz allgemein in die Welt hinausposaunt. Nein, sie ist jedem und jeder einzelnen von uns zugesagt. Jeder und jede ist mit ihrem, mit seinem Namen persönlich angesprochen. Die Auferstehung Jesu ist eine Zusage an uns, dass wir durch Jesus Christus das ewige Leben bei Gott haben. Das betrifft uns jetzt und immer wieder neu. Das ist also nicht eine Frage, die man mit Vernunft und wissenschaftlicher Methode klären kann. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Es ist persönlicher Glaube, der einen auch ganz persönlich betrifft. Die Botschaft von Ostern betrifft unser Innerstes. Durch die Auferstehung Jesu ist uns versprochen, dass der Tod und das Leid nicht das letzte Wort haben. Dass das Leben und die Liebe stärker sind. Das ist die große Hoffnung, die uns Christen geschenkt ist. Das ist der Glaube, der sich in unseren Herzen einfach richtig und wahr anfühlt.

Das heißt nicht, dass man nicht auch im Glauben die dunklen Seiten des Lebens erleben muss. Die meisten von uns kennen es gut, das Gefühl wie es ist Tod und Leid zu erfahren. Wie grausam es ist, wenn ein geliebter Mensch von uns genommen wird.

Die Trauer lähmt. Jedes Lachen bleibt einem im Halse stecken. Kein Bissen Essen schmeckt. Das ganze Leben ist auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr wie es war, wenn jemand fehlt, der immer da war, der zum Leben einfach dazu gehört hat. Nun scheint alles grau. Es ist als hätte man sich in einem dunklen Wald verirrt, aus dem man nicht mehr weiß, wie man heraus kommt. Alle Wege scheinen düster und leer.

Doch da ist jemand, der unseren Namen ruft. So wie er Maria gerufen hat. So ruft er auch uns. Er ruft uns heraus aus dem dunklen Wald. Er will uns zum Licht rufen. Zum Leben. Ostern ist wie ein solcher Ruf. Hin zum Licht, weg von der Dunkelheit.

Auch der Taufspruch unseres kleinen Elias passt dazu sehr gut. „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?“ Sie haben mir ja erzählt, dass Elias sich immer hin zum Licht reckt. Das ist eine schöne Vorstellung, denn Licht ist ein wichtiges Symbol des Lebens. Ein Symbol dafür, dass Gott das Leben will.

Doch auch durch Ostern wird Leid und Tod nicht einfach aus unserer Welt hinweggefegt. Auch heute noch sterben Menschen. 2000 Jahre nach Jesu Auferstehung. Noch scheint der Tod sehr mächtig zu sein. In unserem Predigttext wird uns auch erzählt, dass Jesus nicht von Maria Magdalena berührt werden will. Jesus verweist darauf, dass er erst zum Vater zurückkehren muss. Wir sehen also, die Auferstehung führt nicht dazu, dass der alte Zustand, vor der Kreuzigung, einfach wieder hergestellt wird. Jesus wandelt nicht einfach wieder mit den Seinen umher und predigt und heilt Kranke. Seine Existenz hat nun eine neue Form. Der Tod ist noch in unserer Welt. Aber er hat seine Macht verloren. Christus macht uns deutlich, dass bei Gott ein neues Leben auf uns wartet.

Wie das genau aussehen mag, das kann keiner sagen. Aber dass es dieses gibt, das hat Gott uns versprochen. Er hat uns alle mit unserem Namen angesprochen, so wie Christus Maria mit ihrem Namen angesprochen hat, so spricht er uns alle an. Immer wieder neu. So ist es uns in unserer Taufe zugesagt. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.