36. "Leben live"-Gottesdienst, 26. Juli 2008
Der Gottesdienst wurde vorbereitet vom Gottesdienstteam. Die Predigt hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Die verwendeten Bibeltexte sind - soweit nicht anders angegeben - mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
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Themenpredigt:
"Ich bin so frei ..."

Es gilt das gesprochene Wort!


Wenn man der Bedeutung von Freiheit nachgeht, stößt man recht schnell auf einen Begriff, der heute fast synonym zu Freiheit verwendet wird: Unabhängigkeit.

Unabhängigkeit, Ungebundensein, tun und lassen können, was man will, keinem Rechenschaft ablegen müssen, eigenverantwortlich sein. Das ist das Freiheitsverständnis, von dem wir geprägt sind. Aber können wir das, was die Bibel zur Freiheit sagt, mit dem in Einklang bringen, was wir heute unter Freiheit verstehen? Ob es uns bewusst ist oder nicht, wir sind vom säkularen […] Freiheitsverständnis geprägt. Damit sind wir bei der nächsten Frage angekommen:

Was ist im Neuen Testament mit "Freiheit" gemeint?

Paulus schreibt: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!" (Galater 5, 1)

Eine auffallende Doppelformulierung. Es hätte doch ausgereicht zu schreiben: Christus hat euch befreit! Paulus hält es für nötig zu betonen, dass das Befreiungshandeln Jesu auch wirklich in die Freiheit führt. Nicht nur, dass wir Christen Menschen sind, die grundsätzlich befreit wurden, sondern für uns ist ein Zustand bzw. eine Möglichkeit geschaffen, die wir uns nicht mehr nehmen lassen sollen. Er betont, dass wir als Befreite leben sollen, diese Freiheit also tatsächlich erleben und in ihr bleiben können und sollen. Ihm geht es darum, die Freiheit, die Jesus erwirkt hat, festzuhalten und sich nicht wieder durch irgendein Joch der Knechtschaft niederdrücken zu lassen, damit wir in dieser Freiheit nicht wieder eingeschränkt und gehemmt oder blockiert werden.

Ein Joch war eine Vorrichtung, in die ein Lasttier oder ein Sklave eingespannt wurde und aus dem er von alleine nicht mehr herauskam. Das Joch sollte die Tragfähigkeit erhöhen. Ein Joch ist das Zeichen des Frondienstes, denn es drückt nieder und hindert einen am aufrechten Gang. Das Joch steht dafür, dem Willen eines anderen Folge leisten zu müssen. Wer unter dem Joch stand, der hatte keine andere Wahl. Paulus sagt sinngemäß: Ihr seid befreit worden, aber nun achtet darauf, auch frei zu bleiben. Haltet an der Freiheit fest und lasst sie euch nicht wieder rauben. Das Bild für die Freiheit ist der Zustand ohne Joch. Das Joch bedeutet Abhängigkeit: nicht das tun können, was ich will, sondern das tun müssen, was ein anderer will - nämlich derjenige, der mir dieses Joch auferlegt hat. Freiheit wäre dann - wie nach heutigem Verständnis - Unabhängigkeit und Ungebundensein. Aber hilft uns das wirklich weiter? Vor allem: gibt es diesen Zustand überhaupt, ohne jegliches Joch nur das tun zu können, was man selbst will? Kann Paulus das wirklich meinen? Und was ist mit dem Joch Jesu, das wir auf uns nehmen sollen? "Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" (Matthäus 11,29).

Einige Verse später finden wir eine zweite Aussage von Paulus über die Freiheit. Ein Vers, der so klingt, als wäre die Freiheit, von der er so radikal und absolut gesprochen hatte, doch nicht so ernst gemeint. Ein Vers, der wie eine Einschränkung, wie ein "Ja, aber …" klingt: "Gott hat euch zur Freiheit berufen, Brüder! Aber missbraucht sie nicht als Freibrief für Selbstsucht und Lieblosigkeit. Nehmt vielmehr in gegenseitiger Liebe Rücksicht aufeinander" (Galater 5,13).

Schon ist es wieder vorbei mit der absoluten Freiheit! "Ihr seid zwar frei, ABER …" War die erste Aussage also doch nicht so ernst gemeint? Ist Freiheit in der Bibel eine Art Mogelpackung, die zwar verkündet, aber eben nicht in aller Konsequenz gelebt werden soll? Handelt es sich beim biblischen Freiheitsverständnis also nur um begrenzte Freiheit? Stellen wir uns noch einmal ganz neu die Frage, was denn dann mit Freiheit gemeint ist.

Im Neuen Testament finden wir für Freiheit das Wort eleuthería. Das Eigenschaftswort eleútheros -"frei" bedeutete ursprünglich: "zum Volk gehörig".

Von eleuthería stammt unser deutsches Wort "Leute". Leute sind diejenigen, die zum Volk gehören und somit "Freie" sind. Der Gegenbegriff lautet: Sklaverei. Was machte das Sklaven-Dasein aus? Das Tragen eines Jochs war ja nur ein äußeres Merkmal. Was einen Sklaven, am meisten kennzeichnete, war seine Rechtlosigkeit. Er hatte keinen Status, kein Bürgerrecht. Er war sozusagen ein Nichts. Ein Bürger, ein "Freier" konnte mit ihm umspringen, wie er wollte, er gehörte nicht zum Volk und hatte darum keinen, der sich für ihn einsetzte, nichts und niemanden, auf das oder den er sich im Bedarfsfall berufen konnte - schon gar nicht die Volksgruppe, die ihm vergewisserte, dass er zu ihr gehörte. Er stand im Zweifelsfall ganz alleine da - auf sich selbst zurückgeworfen und damit ohne Fürsprecher, ohne Rückhalt und Unterstützung.

eleuthería - Freiheit, leitet sich also von einem Begriff ab, der nicht Unabhängigkeit, sondern genau das Gegenteil, nämlich Zugehörigkeit meint. Freiheit bedeutet ursprünglich also nicht, ungebunden, unabhängig von anderen und auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. "Freiheit" bezeichnete ursprünglich genau das Gegenteil, nämlich: zu einem Volk zu gehören und dadurch ein "Freier" zu sein. Uns ist gar nicht mehr bewusst, was es bedeutet, Angehöriger eines Volkes zu sein, denn wir kennen die Alternative nicht. Wer zum Volk gehörte, war jemand. Zugehörigkeit zu einem Volk bedeutet, ein vollwertiger Bürger zu sein und darum einen Status, einen "Stand" in einer Gesellschaft und damit Rechte (und Pflichten) zu haben.

Unfreiheit bedeutet: nicht dazuzugehören, ausgeschlossen und auf sich allein gestellt zu sein. Der wesentliche Unterschied zwischen dem Freien (Bürger), der zum Volk gehört, und dem Sklaven (Rechtlosen) besteht im "Stand", im Status, den sie haben. Wenn wir das auf die Freiheit, die für Christen gilt, übertragen, heißt das: Die "herrliche Freiheit der Kinder Gottes", von der Paulus so schwärmt (Römer 8,21), besteht in der Zugehörigkeit zu Gott und zu seinem Volk! Wenn wir lesen, dass Gott uns befreit hat, so bedeutet es, dass Gott uns zugehörig gemacht hat - zu sich als "unserem Gott" - ja sogar unserem "Vater" und zu einander als Brüder und Schwestern, als diejenigen, die mit ihm und damit auch miteinander auf dem Weg sind.

Wer an Jesus Christus glaubt, der ist Gottes Kind - Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse. Der gehört zur Familie Gottes. Das ist so, das ist Fakt - unabhängig von mir, denn es ruht in dem, was Jesus für mich getan und erwirkt hat. Es ist so, weil Jesus diese Zugehörigkeit anbietet und schenkt.

Zugehörigkeit ist nichts, was wir uns erst erkämpfen oder verdienen müssen, sie ist Gnade, Geschenk. Gnade heißt, wir sind Gott angenehm durch das, was Jesus für uns aus Liebe getan hat. Jesus hat uns damit beschenkt, zu ihm und zu seinem Volk, zu seinen "Leuten" gehören zu dürfen. Zunächst einmal völlig unabhängig von unserem Verhalten, ja Paulus betont an anderer Stelle, dass er uns errettet (erlöst, befreit) und damit zugehörig gemacht hat, als wir noch Gottes Gegner, seine "Feinde" waren. Er hat uns zu sich gerufen, uns vergeben und sich uns zu eigen gemacht.

Christen sind "Leute Gottes" geworden, Bürger in seinem Reich - seine Kinder - dazu hat Jesus uns gemacht. Dabei ist beides wichtig: die Zugehörigkeit zu Gott und zu seinem Volk. Ich gehöre zu der Gemeinschaft seiner Kinder, zur weltweiten Christenheit, weil Gott mich dahinein gerufen hat. Indem ich dazu "Ja" sage, habe ich meinen Platz in seinem Reich, meine Aufgabe darin und meinen Anteil daran. Unsere Mitchristen haben die Aufgabe, uns das zu bestätigen, damit wir das glauben können. Darum lautet Gottes Gebot, dass wir als Christen einander lieben und den anderen höher achten sollen als uns selbst. Merken wir, wie anders dieses Freiheitsverständnis gegenüber unserem ist?

Die "göttliche Freiheit" ist also keine "wenn …, dann …"-Freiheit (erst wenn ich so und so leben kann, bin ich frei …; erst wenn ich das und das überwunden bzw. geschafft habe, dann bin ich frei …) sondern eine "weil …, darum …"-Freiheit. Weil Jesus mich befreit hat, darum bin ich frei. Weil ich gerufen und gemeint bin und Jesus mir Gottes Einladung persönlich überbracht hat, darum kann ich dazugehören. Zu Gott gehöre ich nicht dadurch, dass ich bestimmte Abhängigkeiten und Süchte überwunden habe, sondern weil ich das Angebot Jesu angenommen habe und mir seine Vergebung schenken ließ. Mein "ich will zu dir gehören", mein "ich will frei werden" genügt, um meinen Stand des "Freien", des Bürgers in Gottes Reich, zu erhalten. Ich habe sozusagen festen Boden unter den Füßen, einen Status, um den ich nicht dauernd fürchten oder den ich mühsam aufrechterhalten muss.

Wenn ich zu Gott gehöre, bin ich frei! Und den Satz "Ich bin so frei …" kann ich auf zweierlei Art fortsetzen, nämlich mit dem Wörtchen "von" und mit dem Wörtchen "zu".

Ich bin so frei … von ... Angst

Ich bin so frei … von ... Druck und Zwang

Ich bin so frei … von ... Schuld

Welche Folgen hat nun diese Freiheit? Und hier geht es nun um das Wörtchen "zu" .


Eine Gitarrensaite liegt neben der Gitarre und freut sich über ihre Freiheit. "Ich lasse mich nicht einspannen, ich will frei sein und entspannt. Ich werde mich nicht auf diese alte Gitarre spannen lassen, womöglich noch neben die brummige Basssaite rechts und die eintönige d-Saite links. Nein, ich will mein Leben genießen und mich entfalten. Ich kann mich lustig zusammenrollen und in der Sonne ausruhen." Aber mit der Zeit wurde es der Saite langweilig und öde. Immer so sinnlos daliegen. Die Saite wurde in ihrer Freiheit immer einsamer und nutzloser. Unbeachtet und wenig sinnvoll kam sich die Saite vor. Doch der Gitarrenspieler, der sein Instrument sehr liebte, schaute auf die Saite und erkannte die heimliche Sehnsucht. Er spürte, wie die Saite unter ihrer Bedeutungslosigkeit litt. Da sprach er ihr gut zu: "Wenn du wüsstest, was für herrliche Musik in dir steckt!" Ganz behutsam spannte er sie ein, immer ein wenig mehr, bis sie ihre Tonlage gefunden hatte. Dann begann er zu spielen, und wunderbar klang die Musik in schöner Harmonie mit all den anderen Saiten.


Was bedeutet es nun, Gott zugehörig zu sein? Welche Folgen kann das in unserem Leben haben? Nachdem wir das "weil …" betrachtet haben, wenden wir uns nun dem "darum …" zu, also dem, wozu diese Freiheit führen kann. Welche Früchte kann diese Freiheit, wenn wir sie recht verstehen und nutzen, in unserem Leben haben?

Wir alle kennen den Wert der Zugehörigkeit zu unseren Familien oder Freunden. Ein Ort, wo man wer ist, ohne dafür etwas leisten zu müssen, tut gut.

Das ist es, was Gott uns anbietet. Er will uns seiner Zugehörigkeit vergewissern, damit wir als seine Kinder leben und als solche auftreten können. "Ihr seid befreit, also lebt auch als Christen! Weil ihr um eure Zugehörigkeit nicht furchten müsst, darum könnt ihr den Mut haben, auf dem Boden dieser Zugehörigkeit als Kinder Gottes in dieser Welt aufzutreten." Darauf läuft die ganze Heilsgeschichte hinaus: Gott will uns befreien, dass wir als seine Kinder nach seinem Willen leben können. An seinem Werk mitwirken, sein Reich mitbauen.

Wenn Jesus uns anbietet, ja einlädt unsere Lasten auf ihn zu werfen und sein Joch auf uns zu nehmen, dann ist damit das Joch gemeint, das er mit uns zusammen trägt. Er ist bereit, sich mit uns unter ein Joch zu spannen. Wieder geht es um Zugehörigkeit. Die Freiheit der Kinder Gottes besteht darin, nicht mehr allein die eigenen Lasten herumzuschleppen, sondern mit Jesus gemeinsam sein Joch zu tragen. Darum ist das Joch sanft und die Last leicht (vgl. Matthäus 11,29.30).

Ich bin nicht allein - Ich habe "Geschwister", es gibt Menschen, an die ich mich wenden kann. Ich habe nicht nur Gott als Gegenüber, sondern Brüder und Schwestern um mich. Darum gibt es Gemeinden, die uns das vor Augen führen, damit wir erleben, dass wir nicht allein sind.

Ich kann mich beteiligen - Weil ich nicht um meine eigene Zugehörigkeit fürchten muss, weil ich meine Zeit nicht nur damit verbringen muss, an meinem eigenen Heil zu basteln, kann ich mich für andere einsetzen. Weil ich nicht alle Energie dafür aufbringen muss, um eines Tages selbst zu Gott gehören zu dürfen, kann ich mich dafür einsetzen, dass andere ihn kennen lernen und ebenso diese Zugehörigkeit annehmen können. Ich muss mich nicht nur um mich selbst kümmern, ich kann mich der Dinge annehmen, die andere belasten und beschweren. Ich habe die Hände frei für meine Nächsten. Ich kann das eigene Joch abwerfen und freiwillig das Joch eines anderen mittragen, damit er darunter nicht zerbricht. Weil ich um mein Seelenheil nicht mehr bangen muss, kann ich mich einsetzen für andere. Wäre ich ständig damit beschäftigt, die eigene Erlösung voranzutreiben, hätte ich dafür weder Zeit noch Kraft noch Blick. Weil diese Erlösung schon da ist, kann ich auf andere zugehen und mich nach ihnen erkundigen, sie bewusst im Blick behalten.

Ich kann mich was trauen, etwas wagen - Ich kann etwas wagen, weil Jesus mir etwas zutraut und vor allem, weil er mich nicht allein lässt. Ich muss nicht mehr fürchten, diese Zugehörigkeit wieder zu verlieren, weil ich etwas falsch mache oder mir mal etwas daneben geht. Jesus traut mir mehr zu, als ich denke.

Weil das so ist, kann ich es wagen, Fehler zu machen, mich einzumischen - denn Fehler und Schuld stellen meine Zugehörigkeit zu Gott nicht in Frage. Ist das nicht wunderbar? Hier strahlt die "herrliche Freiheit der Kinder Gottes" auf! Plötzlich geht es nicht mehr um eine Forderung "Du sollst dich nicht um dich selbst, sondern um andere kümmern", sondern um eine Möglichkeit, zu der ich befreit bin, die Ausdruck meiner Freiheit ist. Es geht nicht um ein neues Joch: "Wenn du dich um andere kümmerst, dann gehörst du dazu und dann wird sich auch Gott um dich kümmern". Es geht darum, frei zu werden und für andere da zu sein, weil für mich selbst gesorgt ist und gesorgt wird.

Ich bin so frei … zu einer Beziehung zu Gott
Wir sind befreit, Gott kennen zu lernen, indem wir auf Jesus schauen und an ihm sehen, wie der Vater im Himmel ist: "Wer mich sieht, sieht den Vater" (Johannes 14,9). Wir haben die Freiheit, uns zu ihm zu bekennen, nicht nur mit Worten, sondern auch, indem wir seinen Willen respektieren und in unserem Leben zum Ausdruck bringen.

Ich bin so frei … zu Engagement
Weil ich die Hände frei habe und nicht andauernd mit mir selbst beschäftigt sein muss, kann ich mich einbringen und für andere und anderes da sein. Ich habe den Blick frei für meinen Nächsten …

Ich bin so frei … zu Beziehung(en) zu Menschen
Freiheit im Sinne von Zugehörigkeit hat zwei Aspekte bzw. Richtungen. Zugehörigkeit zu Gott und zu seinem Volk. Zuerst einmal zu unseren Mitchristen, dann aber auch zu allen Menschen, denn sie sind alle Gottes geliebte Geschöpfe. Das Kreuz symbolisiert mit seinen beiden Balken diese beiden Seiten. Der vertikale Balken steht für die Beziehung zum himmlischen Vater. Er hat diesen Balken in die Erde gerammt und ist damit auf uns zugegangen, damit der Weg zu ihm wieder frei ist. An diesem Balken hängt der Querbalken, der für die Beziehung, die Zugehörigkeit zueinander (zu anderen Menschen) steht. Dieser Balken hängt nicht in der Luft, sondern hat seinen Halt, seinen Ausgangspunkt in der Beziehung jedes einzelnen zu Gott. "Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?" (1. Johannes 4,20).

Es ist Ausdruck meiner Freiheit, dass ich für andere eintreten, z. B. für sie beten kann, dass ich ihnen Achtung und Respekt entgegenbringe, eben weil ich anerkenne, dass sie Gottes geliebte Geschöpfe sind. Das ist Gottes Wille. Ich kann sie segnen, sogar diejenigen, die gegen mich sind. Selbst meinen Feinden kann ich Gutes wünschen als Ausdruck der Freiheit, zu der mich Christus befreit hat. Weil Gott großzügig ist und mir versprochen hat alles zu geben, was ich brauche, darum kann ich anderen Menschen Gutes gönnen. Darum muss ich nicht sparsam sein in meinen Gaben. Ein Christ ist jemand, den Gott dazu bringen kann, als Ausdruck seiner Freiheit andere zu segnen statt ihnen Böses zu wünschen.

Ich bin so frei … zu Verzicht
Verzichten kann Ausdruck von Freiheit sein. Verzichten heißt nicht, dass mir nichts anderes übrig bleibt, weil ich ein Verlierer bin und das, was ich will, sowieso nicht bekomme. Verzichten kann ich, weil ich vertraue, das Entscheidende mir nicht selbst verschaffen zu müssen, sondern von Gott geschenkt zu bekommen. Freiheit zum Verzicht - freiwillig etwas nicht nehmen, weil man nicht alles haben muss. Verzichten kann Großzügigkeit bedeuten, weil ich anderen etwas gönne. Freiwillig etwas loslassen, teilen lernen, weil ich andererseits auch die Freiheit habe, von Gott zu erbitten und zu nehmen. Bei Gott dürfen wir nehmen. Wir haben die Freiheit, neue Prioritäten zu setzen, wir haben die Freiheit etwas anderes wichtiger zu nehmen als das, was sich uns bisher scheinbar automatisch aufgedrängt hat...

All diese Aspekte (und es gibt noch viele mehr) erscheinen hier nicht als Forderungen oder Ansprüche an uns, sondern sind möglicher Ausdruck unserer Freiheit. Es kommt auf die innere Haltung an, in denen sie geschehen.

Martin Luther beginnt seine weltberühmte Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" aus dem Jahr 1520 mit zwei Sätzen, die scheinbar widersprüchlich sind. Der erste Satz lautet:

"Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan."

Hier ist die Rede von der "Freiheit von …", hier ist die Rede von der Befreiung des Menschen aus Ungerechtigkeit und Fremdherrschaft, aus Tyrannei und Versklavung. Die Freiheit von all dem, was andere uns aufzwingen und erwarten.

Der zweite Satz allerdings scheint auf den ersten Blick gar nicht zum ersten zu passen. Er lautet: "Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan."

Schnell könnten wir nun wieder bei der Befürchtung einer "Ja-aber-Freiheit", einer nur eingeschränkten Freiheit landen, die nicht so ernst gemeint ist. Der zweite Satz gehört jedoch für Luther dazu, weil er die "Freiheit zu …" betrifft. Nur beide Sätze zusammen bilden ab, was Freiheit bedeutet nämlich beide Seiten einer Medaille. Weil ich "niemand untertan" sein muss und Gott mich nicht zwangsweise unterwirft, darum kann ich mich freiwillig anderen zur Verfügung stellen. Weil keiner das Recht auf mich oder an mir hat, ich aber als Christ Gott zugehörig bin, darum habe ich die Freiheit, anderen zu dienen, mich um sie zu kümmern. Für andere da zu sein ist somit Ausdruck der Freiheit und spitzt sie zu bzw. macht sie lebendig, statt sie einzuschränken, wie es auf den ersten Blick scheint. Mit einem Freiheitsverständnis im Sinne von Unabhängigkeit können wir das nicht zusammenbringen. Wenn wir aber zutiefst verstanden und verinnerlicht haben, dass Freiheit Zugehörigkeit meint, dass Freiheit in erster Linie ein Beziehungswort ist, dann können wir Martin Luther innerlich folgen und vielleicht sogar zustimmen …

Die Kirchengemeinde Eysölden und das Gottesdienstteam wünscht eine gesegnete Woche!