Emanuel Lasker - Der Schachspieler und das Christkind

I. Otto von Eulenberg

Es war Heiligabend. Den ganzen Tag über blies ein kalter Wind, und nun hatte es angefangen zu schneien. Tausende von Schneeflocken bedeckten langsam das kleine Dorf, wo der reiche und schon etwas in die Jahre gekommene Gutsbesitzer Otto von Eulenberg lebte.

Otto saß in seinem Sessel nahe dem knisternden Kamin und beobachte die weiße Pracht, die vom Himmel fiel. Er mochte den Schnee auf seinen Feldern. Dadurch würde es im nächsten Jahr eine noch reichere Ernte geben. Es war schön und warm in seiner Stube. Auf dem Tisch stand ein Schachbrett mit allen Figuren in der Ausgangsposition, auf den weißen und schwarzen Feldern.

Otto spielte gern Schach. Er wartete auf den Pfarrer. Jeden Sonntagabend kam der Geistliche zu ihm, um mit ihm eine Partie zu spielen. Er würde sicher auch heute Abend kommen. Oh, ja, Otto liebte das Schachspiel; vor allem, weil er immer gewann. Es gab niemandem in der Umgebung, der ihn schlagen konnte. Und es gab auch niemanden in der Umgebung, der so reich war wie er. Otto von Eulenberg war der größte Gutsbesitzer und der beste Schachspieler. Er war rechtschaffen und anständig. Ein echter Preuße, von echtem Adel. Darauf war er stolz. Von den Dienern abgesehen lebte er allein in dem großen Haus. Seine Frau war schon vor Jahren gestorben. An diesem Weihnachtsfest dachte er nicht mehr an sie.

Otto dachte an andere Dinge: An die ertragreiche Ernte. Und welch wichtiger Mann er im Ort war! Wenn er durch die Straßen ging, zogen die Leute ihre Hüte vor ihm.

Da kam der Diener herein: »Es ist spät, mein Herr. Soll ich die Weihnachtsgans servieren?« Otto schaute auf die Uhr. »Wo der Pfarrer bloß bleibt?«, sagte er. Der Diener entgegnete: »Ich glaube nicht, dass der Pfarrer noch kommen wird. Der Schnee ist sehr tief.« Otto sah mit sehnsüchtigen Augen auf das Schachbrett und meinte: »Ich kann warten.«

 

II. Das Christkind

Da kam plötzlich wieder einer herein! Es war aber nicht der Pfarrer, es war: das Christkind!

Den ganzen Tag über war das Christkind sehr beschäftigt gewesen. Weihnachten ist seine Zeit, weil sich dann die Herzen der Menschen öffnen lassen. Und nun sah es das Christkind als seine Pflicht an, zu gutem Schluss auch noch den alten Otto von Eulenberg zu besuchen. Als Gott im Himmel dem Christkind aufgetragen hatte, den alten Gutsherrn zu besuchen, da winkte es ab: »Sein Herz ist überhaupt nicht zu öffnen«. Doch Gott ließ nicht locker: »Geh' zu ihm! Heute ist es Zeit.«

Und so kam das Christkind in die gute Stube des alten Gutsherren. »Guten Abend, Otto!«, sagte es mit seiner sanften Stimme. Otto sah sich um und fragte. »Nanu? Wer bist Du denn, und wie bist Du hereingekommen?« »Ich bin das Christkind.« - »Das Christkind? Aha. Und was willst Du?« - »Ich will nur mit Dir reden.« - »Es gibt nichts zu reden. Ich habe alles getan, was ein Mann tun kann. Ich spendete für die Kollekte in der Kirche, für die Schulfeier am Sonntag und für die armen Leute im Dorf.«

»Weiß ich alles«, sagte das Christkind: »Du sitzt wie ein kleiner König auf dem Thron, der Geschenke verteilt. Doch wie klein diese Geschenke sind, wenn man an die zigtausend Gulden denkt, die du jedes Jahr verdienst. Und diese Geschenke zeugen auch nicht von der Liebe zu anderen, sondern nur davon, dass du hier ruhig sitzen kannst und zufrieden mit dir und der Welt bist. Oh, wenn du doch nur die Weihnachtsgeschichte kennen würdest.« -

»Aber ich kenne sie«. Otto nahm die Bibel, die in seiner Nähe lag. »Schau, da steht sie: Es begab sich aber zu der Zeit, da Kaiser Augustus...« - »Halt!« unterbrach ihn das Christkind »das ist so nicht richtig! Es geschah nicht vor langer Zeit, in den Tagen des Augustus. Es geschieht jedes Jahr aufs Neue. Irgendwo wird jedes Jahr ein Kind geboren, arm und ohne Kleidung. Und seine Familie wartet darauf, dass man ihnen hilft. Das ist die Weihnachtsgeschichte, Otto!« - »Aber ich kann doch nicht mein ganzes Geld verschenken.«

Doch das Christkind ließ nicht locker. Gott hatte heute noch etwas ganz bestimmtes mit ihm vor. Da fragte der Alte ganz unvermittelt: »Kannst Du Schach spielen?« - »Ein bisschen.« - »Na, dann los.« Doch schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass das Christkind kein besonders guter Spieler war. Nach zehn Minuten hatte es bereits einen Springer weniger. Otto rieb sich die Hände. Er würde sicher gewinnen.

Als das Christkind schon fast die Hälfte seiner Figuren verloren hatte, hielt es inne und sprach: »Stell' Dir für einen Moment vor, dass an diesem Heiligabend ein armer Junge zu Dir käme. Würdest Du ihm zu Essen geben?« - »Schluss mit dem Unsinn. Schau' dir lieber deine Stellung an. Eine einzige Ruine.« - »Nun gut, ich stehe auf Verlust. Aber angenommen, ich würde die Partie noch gewinnen, würdest du ihn bewirten?« Der Alte lachte. »Na schön, von mir aus.« Das Christkind lachte auch: »Schau hin, Otto, du bist schachmatt«. »Was?« Otto blickte auf das Brett. Seine Augen weiteten sich. »Was soll das? Alle meine Figuren haben ihre Stellung verändert.« Das Christkind lächelte: »Ja, Otto, so ist das im Leben. Oft denkt man, verloren zu haben. Doch dann schaut Gott auf uns herab und alles ist wieder ganz anders. Denk daran, Otto!« Und dann war das Christkind verschwunden.

 

III. Der Junge

Otto setzte sich wieder zum Kamin, um nachzudenken. Er sah zu dem Tisch mit dem Schachbrett. Die Reihen der weißen und der schwarzen Figuren waren wieder fein säuberlich aufgestellt, jede Figur auf dem richtigen Feld.

Da kam sein Diener herein. »Euer Gnaden, dieser kleine Junge will Euch sprechen. Otto stand auf. Der Junge - etwa 9 Jahre alt - sah abgerissen aus. Sein Haar war struppig und die Kleidung viel zu dünn für die Jahreszeit. »Wie heißt du, mein Kleiner?« – »Ich heiße Emanuel«.

Otto sank in seinen Stuhl zurück. Ach ja, das muss einer von den Lasker-Kindern aus dem Nachbarort sein. Jüdische Habenichtse, die es nie zu etwas bringen werden. Bestimmt will er nur etwas schnorren. Ich schmeiß ihn wieder raus. Da sah der Junge das Schachbrett und ging zu dem Tisch. »Wollen wir spielen? Wissen Sie, ich habe Hunger. Und Schach lenkt mich etwas davon ab.« Otto schaute auf. »Was, du Zwerg kannst dieses komplizierte Spiel? Also gut. Lass' es uns probieren«.

Doch schon nach kurzer Zeit wurde dem Gutsbesitzer klar, dass der Junge eine enorme Begabung hatte. Fast ohne nachzudenken machte er intuitiv die richtigen Züge.

Nach einer halben Stunde wurde Otto unruhig. Der Bengel stand positionell klar überlegen! Der kleine, in Lumpen gehüllte Taugenichts aus der jämmerlichen jüdischen Siedlung schob ihn, Otto von Eulenberg langsam zusammen. Das kann nicht sein! Und was ihn am meisten ärgerte: Es geschah so federleicht. Wenn Otto nach langem Nachdenken einen Zug ausführte, antwortete der Junge blitzschnell und immer mit der stärksten Antwort. Otto war so unter Druck, dass er schließlich einen groben Fehler machte. Der Junge lächelte. »Das ist ein schlechter Zug. Es wäre besser, Sie nähmen ihn zurück.«

»Otto von Eulenberg nimmt keine Züge zurück! Verdammt nochmal!« Der Junge sah ihn an. Warum wurde dieser alte Mann nur so wütend? War es vielleicht, weil er verlor? Viele Leute werden zornig, wenn sie verlieren. Und er war ein alter Mann.

 

IV. Sieg und Niederlage

Wieder kam der Diener herein: »Euer Gnaden, die Weihnachtsgans. Soll ich sie jetzt servieren?« Otto blickte ihn streng an. "Geh' mir aus den Augen mit deiner bescheuerten Weihnachtsgans!"

Oh nein, dachte der Junge. Er war doch so hungrig. Wie wütend muss wohl der alte Mann sein. Und das nur, weil er nicht gewinnen konnte? Da nahm er seinen ganzen Mut zusammen und fragte: »Dürfte ich wohl etwas von der Weihnachtsgans haben, ich habe heute noch nichts gegessen.« Doch der Alte sagte nur: »Spiel weiter.« Der Junge seufzte. Dann hatte er eine Idee, wie er doch noch an die Weihnachtsgans käme. Er würde den alten Mann einfach gewinnen lassen. Obwohl auch ihm das Verlieren nicht leicht fiel. Aber: es ist Heiligabend, dachte er, und ich werde es tun. Dann machte er seinen Zug. Otto lachte. »Was für ein Fehler. Schau, ich kann deine Dame schlagen. Ich wusste ja, dass ich gewinnen werde. Ich habe schon seit Jahren kein Spiel verloren!«

Der Junge senkte den Blick. Tränen stiegen ihm in die Augen, und er sah sehnsuchtsvoll in Richtung Küche.

Und da wusste der alte Gutsbesitzer, dass er es war, der verloren hatte. Er schämte sich. Und erinnerte er sich an die Worte des Christkindes: »Oft denkt man, verloren zu haben. Dann schaut Gott auf uns und alles ist anders.« Da rief Otto seinen Diener, um die Gans zu servieren. Er legte seine Hand auf die Schulter des Kleinen und sagte »Du hast gewonnen, du und das Christkind.«

 

V. Viele Jahre später

Das waren die Geschehnisse an Heiligabend im Jahre 1877 auf einem Gut in der westpreußischen Neumark. Doch wie ging es weiter mit Otto von Eulenberg und dem kleinen Emanuel?

Der alte Gutsbesitzer lebte noch über 10 Jahre. An jedem Heiligen Abend gab er ein Festessen für alle Kinder aus den Nachbardörfern. Schach spielte er nie wieder.

Der kleine Emanuel wurde ein großer Emanuel. Obwohl: eigentlich blieb er immer ein kleines Männlein, kaum 1,55 groß. Aber er war klug, sehr klug. Er studierte Mathematik in Berlin und promovierte in Erlangen. Schach spielte er weiter. Allerdings verlor er nie wieder absichtlich eine Partie. Emanuel verlor überhaupt nur wenige Partien. 1894 forderte er in New York den amtierenden Weltmeister Wilhelm Steinitz heraus. Emanuel Lasker gewann den Kampf mit 12:7. Damit wurde er der zweite offizielle Schachweltmeiser. Er verteidigte den Titel 27 Jahre lang. Länger als jeder andere vor oder nach ihm. Lasker ist bis heute der einzige deutsche Schachweltmeister. Der kleine jüdische Junge aus der preußischen Neumark.

Warum erzähle ich diese Geschichte heute am Heiligen Abend? Weil das Christkind damals den alten Gutsherrn zum Nachdenken gebracht hat? Diesen Besuch habe ich natürlich erfunden. Trotzdem ist Otto an jenem Abend einem Christkind begegnet. Nämlich dem kleinen Emanuel. Denn der hatte an jenem Heiligen Abend des Jahres 1877 seinen 9. Geburtstag. Geboren am 24. Dezember 1868. Heute vor 150 Jahren.

Möge seine Geschichte in jener kalten Winternacht auch unsere Herzen heute erwärmen. Amen.