[...] Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.

Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht in einem Bild. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist. Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Liebe Gemeinde,

Müde bin ich, geh' zur Ruh schließe beide Äuglein zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein. Vielleicht kennt ja der eine oder die andere unter Ihnen dieses Kindergebet auch. Ich jedenfalls kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich genau das als kleines Kind beim Schlafengehen als Gute Nacht-Gebet oft gebetet habe. Ich erinnere mich noch gut, wenn die Mama noch mal ins Zimmer kam, die Bettdecke herrichtete und so weiter. Und dann zum Abschluss des Tages dieses Gebet mit uns zusammen betete. Das war ein wichtiges Ritual, das Gute Nacht-Gebet. Denn wenn einmal meine Mutter nicht da war, um uns Kinder ins Bett zu bringen, dann musste die Oma, der Opa, oder wer auch immer unbedingt mit uns beten. Sonst hätte etwas gefehlt. Und allein daran merkt man schon. Gebete sind nicht einfach nur irgendwelche Worte. Beten ist mehr. Aber was genau passiert eigentlich bei einem Gebet? Gar nicht so einfach diese Frage.

Und wenn man einmal genauer hinschaut merkt man schnell: Die Menschen gehen auch sehr unterschiedlich mit diesem Thema um. Lassen Sie mich einen kurzen Witz erzählen: Bei einem Familienfest sitzen alle in großer Runde beieinander und es wird das Essen aufgetragen. Alle haben Hunger und wollen beherzt zulangen. Da sagt der Gastgeber: „Moment. Bevor wir essen möchte ich gerne noch ein Tischgebet sprechen. Also lasst uns beten.“ Da sagt der entfernte Onkel: „Warum denn das? Stimmt was nicht mit dem Essen?“

Ja so etwas kann schon mal passieren, wenn in einer Familie verschiedene Frömmigkeitsarten aufeinander treffen. Aber vor allem auch zeigt uns dieser Witz genaugenommen zwei unterschiedliche Vorstellungen, was ein Gebet ist. Für den Gastgeber gehört das Beten zum alltäglichen Leben. Bei einer Mahlzeit, vor allen auch bei einer großen Feier, wird gebetet. Hier wird Gott gedankt, oder um seine Begleitung gebeten.

Beim Onkel finden wir eine ganz andere Vorstellung: Dieser Onkel kennt das Gebet nur als konkrete Bitte, vor allem in Notlagen. Für ihn ist klar, gebetet wir nur wenn etwas Konkretes gebraucht wird oder vielleicht verhindert werden soll.

Ein Bild vom Beten, das bei vielen Menschen tief verwurzelt ist. Und das unserer Bet-Praxis in unserer heutigen Gesellschaft auch oft entspricht. Ich glaube viele Menschen beten im normalen Alltag nicht allzu oft. Das Tischgebet und das Gute-Nacht Gebet. Das findet man manchmal noch. Doch wie ist das sonst im Alltag? Wirklich intensiv gebetet wird tatsächlich meistens in Notlagen. In der Verzweiflung, wenn man dringend Hilfe braucht. Das berühmte Stoßgebet. In einer Situation größter Anspannung und Angst ruft man zu Gott und bittet um Hilfe.

Um das Beten und Bitten geht es auch in unserem heutigen Predigttext. So spricht Christus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er´s euch geben.“

Eine starke Aussage. Wenn ihr ihn bittet wird er´s euch geben. Jetzt mal ehrlich. Da werden sich doch einige von Ihnen jetzt denken: Na schön wär´s. Und tatsächlich kann man diese Aussage nicht so ohne weiteres bestätigen. Unsere Lebenserfahrung zeigt uns, so manches um das wir gebeten haben bei Gott, wurde uns nicht erfüllt. Und da geht es eben nicht nur um Kleinigkeiten. Nicht die Mathe-Schulaufgabe, die man nicht verhauen will, ein Gebet, das wahrscheinlich fast jedes Kind mal gebetet hat. Nein, es geht um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Gebete, in denen ich um die Genesung eines lieben Menschen bitte, der schwer krank ist. In denen ich, darum bitte meine Familie ernähren zu können, weil mein Arbeitsplatz in Gefahr ist. In denen ich darum bitte, dass eine Beziehung oder Ehe eine schwere Krise übersteht.

Wie oft wohl wurde solche Gebete gesprochen, im Stillen oder laut? Und wie oft erfüllten sich diese Bitten nicht? Ja, Gebete sind wirklich keine Wünsche-ErfüllAutomaten, wie ich es am Anfang des Gottesdienstes genannt habe. Doch wie ist dann unsere Aussage aus dem Predigttext zu verstehen? Eindeutig heißt es da „wird er´s euch geben“. Leider sagt uns der Text nicht konkret, um was gebetet wir und was gegeben wird. Doch lesen wir noch etwas weiter so sagt Jesus: Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.“ Und ich meine hier kommen wir der Sache langsam auf die Spur. Im Beten empfangen wir etwas, das vollkommene Freude bringen soll. Gott, so verspricht Jesus, will Freude in das Leben seiner Menschen bringen.

Und am Ende unseres Textes lesen wir einen Satz, den wir häufig auf Beerdigungen und Trauerfeiern hören. „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Glasklar wird uns gesagt, dass wir hier in unserer Welt Angst haben. Und daran hat sich seit 2000 Jahren nichts geändert. Christus sagt uns klipp und klar, dass die Ungerechtigkeiten, die Leiden noch nicht zu Ende sind. Geliebte Menschen werden krank und sterben, Menschen leben in Armut, Ehen und Beziehungen zerbrechen. Und so unendlich vieles mehr. Doch Christus sagt auch: Ich habe die Welt überwunden! Er verweist uns auf Ostern. Er erinnert uns einmal mehr, dass wir mit Gott an unserer Seite einen haben, der stärker ist als das Leiden und der Tod, dass Leiden und Tod zwar noch existieren, aber nicht das letzte Wort haben.

Und das Gebet? Was ist es und was bringt es? Das Gebet ist ein Gespräch mit Gott. Das Gebet baut Beziehung auf mit Gott. Und genau dafür ist Beten ganz entscheidend. Das ist nicht viel anders, wie in jeder Beziehung. Ein Paar das nie miteinander redet, dürfte große Probleme haben. Und ein Freund, mit dem man nie redet, ist nicht wirklich ein Freund. Beten stellt Nähe zu Gott her. Und gibt Kraft. Wir alle können es erleben, wenn wir uns etwas von der Seele reden, wie gut das tut. Und da ist das eigentliche Problem noch nicht einmal ansatzweise gelöst. Aber alleine es ausgesprochen zu haben, ist so unfassbar heilsam. Und zu Gott können wir immer kommen. Er hört uns zu. Und auch wenn unsere Bitten nicht immer erfüllt werden, so können wir uns doch gewiss sein, dass Gott uns mit all dem nicht alleine lässt. Das Beten stärkt dieses Band. Und es gibt Kraft. Schon als kleines Kind gab das Beten am Abend im Bett mir das Gefühl von Sicherheit, das Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Beim Beten passiert ganz viel auch in uns drin. Dieses Vertrauensgefühl aus der Kindheit, haben wir als Erwachsene oft leider verloren. Durch Beten kann man dieses Urvertrauen, dieses Gefühl bei Gott sicher und geborgen zu sein wieder finden. Das ist die wirkliche Stärke des Betens. Und das ist es, was uns Christen auch die Kraft geben kann, die schweren und fürchterlichen Zeiten des Lebens zu überstehen. Und Beten kann übrigens ganz unterschiedlich aussehen. Beten kann man überall. Im Wohnzimmer genauso wie im Wald. Im Bad genauso wie im Zug. Und natürlich auch in der Kirche. Besonders auch in gesungener Form. Und so lasst uns nun gemeinsam der Aufforderung dieses Sonntags folgen, Rogate. Betet. Also lasst und beten, in dem wir gleich das Lied „Vater unser Vater“ singen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.