Weisheit und Schöpfung

Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom Herrn. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Liebe Gemeinde,

„Der Herr hat mich schon gehabt, bevor er etwas schuf; ich bin eingesetzt von Ewigkeit her; ich war beständig bei ihm.“ Ganz schön markige Worte sind das, die uns da in unserem heutigen Predigttext entgegen kommen. Aber wer spricht da nun eigentlich zu uns? Es ist wohl kaum ein Mensch, denn selbst die Größenwahnsinnigsten würden wohl kaum behaupten, vor der Schöpfung der Welt schon da gewesen zu sein. Aber wer dann? Jesus? Gott Vater? Der Heilige Geist?

Die Antwort ist: die Weisheit spricht hier zu uns. Denn unser Text stammt aus einer Reihe von Schriften im Alten Testament, die als „Weisheitsliteratur“ bezeichnet wird. In diesen Büchern wird uns die Bedeutung der Weisheit deutlich gemacht. Diese Schriften beschäftigen sich mit den wichtigen Fragen des Lebens, vor allem auch mit dem Verhalten der Menschen untereinander und gegenüber Gott. Weisheitsliteratur geht Fragen nach, die vielen von uns bis heute nachgehen. Bestimmt haben viele von Ihnen sich auch schon ähnliche Gedanken gemacht: Warum lässt Gott Ungerechtigkeit zu? Wie kann ich ein Leben so gestalten, dass es dem Willen Gottes entspricht? Und welche Folgen hat es für mein Leben, wenn ich versuche so zu leben, und was wenn nicht? All das sind Fragen, die auch ich mir in meinem Leben oft stelle. Und eine der Schriften, die sich mit solchen Themen beschäftigen, sind die sogenannten Sprüche Salomos. In diesem Büchlein finden wir allerlei Weisheiten des alltäglichen Lebens: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Das stammt aus dem Buch der Sprüche. Oder etwa auch: „Wem eine tüchtige Frau beschert ist, die ist viel edler als die köstlichsten Perlen.“

Und die Quelle aus der solche Ratschläge und Erkenntnisse fließen, stellt sich uns nun selbst in unserem Predigttext vor. Die Weisheit spricht hier zu uns als Person. Aber zunächst einmal werden wir an die gewaltigen Taten der Schöpfung unserer Welt durch Gott erinnert. An die Wasser und Meere, an Berge und Hügel, an den Erdboden und den Himmel. All das wird erwähnt. Und doch, so heißt es, ist die Weisheit schon vorher da. „Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her.“ So sagt sie. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde diesen Gedanken doch überraschend. Die Weisheit ist älter als die Schöpfung der Welt. Ist nicht die Weisheit ein Kind der Menschen? Ist sie nicht eine Größe, die entstanden ist, weil weise Männer und Frauen, Regeln und Ideen für unser Zusammenleben fanden? Nein, so sagt uns die Bibel hier ganz klar. Weisheit kommt von der Ewigkeit, von Gott her.

Und die Weisheit präsentiert sich auch auf andere Art überraschend. Wie würden sie sich Weisheit als Person vorstellen? Vielleicht als alten Mann, mit einem weißen Bart. Mit einem wallenden Gewand. Bestimmt aber doch als seriöse Figur. Ernst drein blickend, mit erhobenem Zeigefinger, belehrend. „Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.“ Die Weisheit erscheint uns in unserem Text eher als fröhliches Kind, das spielend und tanzend über die Erde hüpft. Weisheit bringt Freude und Glück. Und ganz nebenbei: Die Weisheit ist auf Hebräisch Cochma, weiblich, auf Griechisch heißt sie Sophia uns ist auch weiblich. Wir sollten uns hier also eher eine Frau oder ein Mädchen vorstellen, wenn wir uns die Weisheit als Person vor Augen führen.

Doch gibt es auch noch einen weiteren wichtigen Aspekt dazu. „Wer mich findet, der findet Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben, alle die mich hassen, lieben den Tod.“ Die Weisheit präsentiert uns auch eine ernste und nachdenkliche Seite. Vor allem aber zeigt sie auch, dass es nicht einfach nur ein paar Vorteile bringt sich an die Weisheit zu halten. Nein, es ist eine Frage von Leben und Tod! Ganz klar wird gesagt, wer ihr folgt, lebt, wer nicht, liebt den Tod. Das ist ja durchaus eine ganz schön rigorose Aussage.

Doch heute am Sonntag Jubilate ist es ja der rechte Tag um zu jubeln. Das sollte man bei all den interessanten Dingen, die wir von der Weisheit entdeckt haben, nicht vergessen. Es ist ein Festtag. Ein Tag, an dem wir uns über Gottes große Schöpfung freuen sollen. Auch das gehört dazu, wenn wir uns an die Weisheit halten. Die schönen Worte des Predigttextes, sie erinnern uns daran, dass unsere Welt ein großes Wunder ist. Die blühenden Wiesen im Frühling. Die grünen Bäume. Unsere Flüsse und Seen. Die Berge und Hügel. All das, was uns in der Natur geschenkt ist. Auch die Pflanzen und Tiere, die mit uns leben und uns ernähren. Voller Dankbarkeit können wir auf all das blicken und jubeln. Das ist weise.

Doch wenn wir heute auf unsere Welt blicken sehen wir auch eine andere Seite. Unsere Planet und sein Klima ändern sich. Durch Menschenhand. Die Temperaturen steigen, der Meeresspiegel auch. Permafrostböden tauen auf, Gletscher ziehen sich zurück. Mögliche Folgen davon sind Hungerkrisen und Trinkwasserknappheit, Große Migrationsbewegungen und Zerstörung von landwirtschaftlich nutzbarer Fläche. Und nicht zuletzt ein gewaltiges Artensterben, das ja schon längst begonnen hat. Unzählige Tiere und Pflanzen verschwinden. Man muss den Eindruck haben, dass wir Gottes gute Schöpfung nicht gerade mit viel Weisheit behandeln. „Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben.“ Worte, die einem bei diesem Gedanken ganz schön erschrecken können.

                                                 Andererseits ist es an Jubilate aber vor allem die neue Schöpfung, die uns seit Ostern versprochen ist, über die wir uns freuen sollen. Die neue Erde und der neue Himmel. Das ewige Leben bei Gott. Auch diese große Hoffnung gehört natürlich dazu. Ist es das, auf das wir blicken sollten, während unsere Welt zerstört wird? Sollen wir die Hoffnung nur bei Gott sehen und die alte Schöpfung aufgeben? Nun das wäre ganz bestimmt nicht weise. Aber wenn wir heute auf unsere Welt blicken, so könnte man doch verzweifeln. Was können wir tun? Zu verfahren scheint die Situation. Jubilate heißt es. Jubelt! Manchmal könnte einem jeder Jubel im Halse stecken bleiben.

                                                        Doch blicken wir noch einmal auf unseren Text.

Schauen wir, wie sich die Weisheit verhält. Sie spielt und tanzt, sie liebt das Leben. Und wer sich an sie hält, der wird das Leben haben. Weisheit heißt hier auch, dass wir ein geradezu kindliches Vertrauen haben dürfen. Dass wir das Gute genießen, ja jubeln und spielen sollen. So können wir uns die Weisheit zum Vorbild nehmen. Natürlich heißt das eben nicht, dass man fröhlich in den Untergang tanzen soll. Das will die Weisheit gerade eben nicht. Aber Die Weisheit, wie sie uns hier in unserem Predigttext gezeigt wird, ist kein Geist der Angst und Verzweiflung. Sondern ein Geist des Lebens, des Anpackens. All die Probleme, der Welt, die müssen angegangen werden. Probleme wie etwa der Klimawandel. Nach der Weisheit zu leben, heißt für uns in Gottes guter Schöpfung zu wirken, an ihr zu arbeiten, damit sie sich gut entwickelt. Dass wir dabei als einzelne Menschen auch nur begrenzt wirken können ist klar. Niemand kann alle Probleme lösen. Doch weise sein, heißt mutig jeden kleinen Schritt voran gehen.

Und natürlich haben wir in alledem auch die Perspektive, dass uns durch Ostern, die Auferstehung Christi, eine gewaltig Verheißung geschenkt ist. Eine neue Welt und das ewige Leben bei Gott ist uns versprochen. Aber diese Verheißung ist uns nicht gegeben, damit wir uns darauf ausruhen. Sondern als Inspiration. Als großes Licht, das uns den Weg weist. Und das uns Mut macht voller Freude diesen Weg zu gehen und das Leben zu genießen. „Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.“ Was für ein Grund zum Jubeln!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.