Der Lobgesang der Hanna

Und HANNA betete und sprach:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,
mein Horn ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.

Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.

Lasst euer großes Rühmen und Trotzen,
freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen.

Der Bogen der Starken ist zerbrochen,
und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.

Die da satt waren, müssen um Brot dienen,
und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin.

Der HERR tötet und macht lebendig,
führt ins Totenreich und wieder herauf.

Der HERR macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.

Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.

Liebe Ostergemeinde!

Als Predigttext haben wir heute einen Abschnitt aus dem Alten Testament gehört, was zu Ostern doch ein wenig überrascht. Das Lied der Hanna wird es genannt, und gehört zu den ältesten Teilen der Bibel. Wie nicht anders zu erwarten, hat es mit Christus und der Auferstehung erst einmal wenig zu tun. Nur die Feststellung, dass Gott, der Schöpfer ein Herr über Leben und Tod ist, erinnert ein wenig an unser christliches Hauptfest. Allerdings findet sich die Vorstellung auch in vielen anderen Psalmen und Liedern im Alten Israel. Lauschen wir noch einmal den wichtigsten Zeilen von Hannas Gesang:

Dir, o Höchster will ich singen. Mein Herz ist fröhlich, mein Haupt ist erhöht. Mein Mund hat sich weit aufgetan, denn ich freue mich deines Heils. Denn der HERR tötet und macht lebendig, er führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR erniedrigt und erhöht.

Hanna singt uns an Ostern ihr Lied. Eine Frau aus dem frühen Israel erhebt ihre Stimme und ihr Gesang erreicht immer noch unser Ohr. Ein Kind hat sie zur Welt gebracht, den späteren Propheten Samuel. Obwohl sie doch so lange kinderlos geblieben war. Sie sah sich schon in die Grube fahren; nichts würde mehr bleiben von ihr, von ihren Ahnen, als nur der Staub. Keine Nachkommen, keine Erinnerungen, die weitergegeben werden, kein Name, der bleibt. Doch dann auf einmal: das Wunder: Sie wird doch noch schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Kein Wunder, dass es voller Freude aus ihr herausplatzt: »Mein Herz ist fröhlich – mein Kopf erhöht – mein Mund weit aufgetan«. Neues Leben entsteht. Das Wunder der Geburt. Ostern ist das zwar noch nicht. Aber zumindest: ein wenig. Die Kraft des Lebens, das sich am Ende gegen alle Vernunft durchsetzt.

Hanna besingt Gott als den Schöpfer des Lebens. In ihm sieht sie die Quelle ihres späten Mutterglücks. So stimmt sie ein wahres Tedeum an, ein »Großer Gott, wir loben dich« in früher Gestalt. Wie Maria später im Magnifikat, so macht Hanna in grauer Vorzeit schon Gott groß. Es ist derselbe Lobpreis, der beiden Frauen beseelt.

Ja, es ist wirklich erstaunlich, wie raum- und zeitübergreifend das Hanna-Lied ist. Es spannt einen großen Bogen. Eine Frau aus der Frühzeit Israels, über 1000 Jahre vor Christus, stimmt ein Lied an, dessen Melodie durch die Zeiten wandert und wie ein Präludium Ostern schon intoniert.

Die nächste Überraschung ist, dass dieses vor Freude berstende Lied trotzdem mit beiden Beinen auf dem Boden des Irdischen und auch Vergänglichen steht. Die Mühsal der Menschen, das Leid der Welt, all das, was der Mensch zu tragen hat, das wird nicht einfach ausgeblendet. Obwohl es natürlich verführerisch wäre. Doch bei aller Freude wird auch der Mangel und das Sterbliche mit einbezogen in den großen Bogen, den sie spannt. »Der Herr macht arm und er macht reich; er erniedrigt und erhöht«. Und dann schließlich die Spitzenaussage: »Der Herr tötet und macht lebendig, er führt hinab zu den Toten und wieder herauf«. Der Gegensatz von Gut und Böse wird also nicht wie in späteren Zeiten auf Gott und einen bösen Gegenspieler, den Satan verteilt, sondern beides hat in Gott seinen Ursprung. Wenn Gott der Schöpfer aller Dinge ist, dann geht auch das Rätselhafte auf ihn zurück. Dies alles besingt Hanna in ihrem Lied. Man kann sich ihre Töne deshalb nur gegensätzlich vorstellen, um nicht zu sagen: paradox. Gott und der Tod stehen hier so eng beinander, dass die Fülle und der Mangel, das Erreichte und das Offengebliebene kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. So, wie es im Leben eben auch ist.

Auch unser Reformator Martin Luther hat sich lange mit der Frage beschäftigt, wie man Gott denken soll angesichts dieser seiner verborgenen Seite. Dabei hat er uns den Rat hinterlassen, sich immer an die zugewandte, an die helle Seite von Gott zu halten. Dort, wo er schöpferisch tätig ist, dort, wo er Leben schafft, dort wo er den Menschen gnädig ist. Denn das wird zuletzt über alles Dunkle und Offengebliebene siegen.

Bei Hannas altem Lied kann man das schön an der Reihenfolge seiner Verse sehen. Am Ende einer jeden Zeile steht nicht der Mangel, sondern die Fülle: »Wenn Gott tötet, so macht er auch lebendig; wenn er hinab führt zu den Toten, so bringt wieder herauf. Wenn er erniedrigt, so erhöht er auch wieder.« Das ewige Drama, das das Leben inszeniert, hat im Lied der Hanna seinen ersten Niederschlag gefunden. Es bewegt sich durch alle Tiefen und Höhen menschlichen Daseins. Alles hat in Gott seinen Ursprung.

Hanna singt und Ostern wird sichtbar. Ihr Lied intoniert das Das Ereignis am Ostermorgen. Christus ist gestorben. So wie Menschen eben sterben. Das ist die Erfahrung von Karfreitag. Hier sehen wir die dunkle, unverständliche Seite Gottes. Doch Christus wurde auferweckt. Er hat den Tod überwunden. Das ist die Erfahrung von Ostern. Hier offenbart sich die helle, die barmherzige Seite Gottes. Und an der hängt unsere Hoffnung.

Wenn der Tod auch noch so endgültig scheint, so kann er unseren Jesus doch nicht im Grab festhalten. Am Ende der Geschichte, am Ende jeder Zeile steht das Wort für Leben. Dies intoniert uns Hanna mit einem sehr frühen Osterlied, lange vor den Ereignissen in Jerusalem. Hanna singt und Ostern naht. Der ewige Kreislauf des Staubes vom Werden und Vergehen wird durchbrochen vom Gesang des ewigen Lebens. Und das, liebe Gemeinde, ist das Erbe des alten Hanna-Liedes für uns heute Ostern feiernde Christen. Amen.