Der gute Hirte

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Räuber. Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe. Dem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm; denn sie kennen die Stimme der Fremden nicht. Dies Gleichnis sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden aber nicht, was er ihnen damit sagte.

Da sprach Jesus wieder: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir gekommen sind, die sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben ihnen nicht gehorcht. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein und aus gehen und Weide finden.

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfis, liebe Familie Obermeyer,

Von einer Tür ist ganz viel die Rede in unserem heutigen Predigttext. Eine Tür, die findet man an jedem Haus. Türen ermöglichen uns hineinzukommen. Aber genauso auch hinauszukommen. Gerade jetzt am Frühlingsanfang steht die Tür für mich auch für das Leben draußen. Frische Luft, warme Sonnenstrahlen oder ein kühles Lüftchen. Eine Tür kann in die Freiheit führen. Dort wo man aufatmen kann. Wo man Natur und ihre Schönheit erleben kann. Eine Tür ist es, die einem Zugang zu diesen schönen Erfahrungen, zu diesem guten Leben geben kann.

Und in unserem Text haben wir es gehört. Jesus selbst ist die Tür, die Tür zum guten Leben. Aber wie genau ist das eigentlich zu verstehen? Die Antwort ist eigentlich klar: Wer Jesus als seine Tür zum guten Leben annimmt, der folgt ihm nach: der lebt so wie Jesus es uns vorgelebt hat: mit seiner Liebe, seiner Lebensfreude, seiner Bereitschaft Konflikte mit Ernsthaftigkeit, aber auch mit Versöhnlichkeit auszutragen, seine Sanftmut. Und natürlich seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, gerade gegenüber den Armen und Schwachen.

Jesus zeigt uns den richtigen Weg. Und er zeigt uns auch den falschen, denn wer den geht, der ist ein Räuber und ein Dieb, so sagt er. Bei den Gebrüdern Grimm gibt es ein ganz berühmtes Märchen, das zeigt uns auch wie so ein richtiger oder auch falscher Weg aussehen kann. Bestimmt kennen sie das: Es heißt Frau Holle und das wollen wir uns jetzt einmal kurz anhören:

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Ja in diesem Märchen, da wird uns auf drastische Weise erzählt, wie der gute Weg und wie der schlechte Weg aussieht. Die zwei Mädchen stehen da jeweils als perfektes Beispiel. Die eine hübsch und fleißig. Sie hat das Herz am rechten Fleck und erkennt sofort, was zu tun ist. Sie ist hilfsbereit, sie packt an, sie ist auch mitfühlend. Sie holt das Brot aus dem Ofen, schüttelt den Apfelbaum und bei Frau Holle arbeitet sie fleißig und macht alles zu deren voller Zufriedenheit. Und dafür wird sie auch belohnt. Am Ende bekommt sie eine Goldregen.

Auf der anderen Seite haben wir das andere Mädchen. Die ist hässlich, und das nicht nur äußerlich. Von Hilfsbereitschaft hält sie nichts. Und auch mit harter Arbeit kann sie nichts anfangen. Als das Brot im Ofen schreit, und der Baum mit den Äpfeln um Hilfe bittet, greift sie nicht ein, wie ihre schöne Schwester. Nein, sie geht weiter. Auch bei Frau Holle kann sie nicht so recht mit anpacken. Dafür ist sie zu faul. Aber die Belohnung, die will sie schon haben. Ganz neidisch war sie auf ihre hübsche Schwester. Und am Ende bekommt auch sie, was sie verdient. Aber kein Gold regnet da auf sie herab. Nein, sie wird mit klebrigem Pech übergossen.

Die Botschaft dieses Märchens ist klar. Wer sein Leben gut und anständig, fleißig, hilfsbereit und freundlich führt, der wird belohnt. Aber auch umgekehrt wird bestraft, wer all das ignoriert und faul ist und nur auf sich selber schaut. Doch muss ich jetzt doch mal die Frage stellen: Ist das im echten Leben wirklich so? Werden die Guten immer belohnt, also mit Gold überschüttet? Und die Schlechten mit Pech überhäuft und damit bestraft? Man hat doch manchmal das Gefühl, dass dem gar nicht so ist, oder? Oft haben doch gerade die Frechen und Egoistischen das Glück und werden reich. Wer mehr auf die anderen schaut als auf sich selbst? Der hat doch oft eher das Nachsehen. Die Realität und unser Märchen passen manchmal leider nicht so ganz zusammen.

Trotzdem kann es keinen Zweifel geben, welches Verhalten es ist, das Jesus sich von uns wünscht. Er sagt zum Beispiel an einer anderen Stelle in der Bibel folgendes:

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid gekommen…. Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.

Jesus zeigt uns hier mit deutlichen Worten an wessen Seite er steht. Er steht an der Seite der Schwachen. An der Seite derer die Hilfe brauchen. Ja er setzt sich sogar mit ihnen gleich und sagt „ich bin hungrig gewesen. Ich bin nackt gewesen“ und so weiter. Wenn wir auf unser eigenes Leben schauen, dann sehen wir, dass auch wir Hilfe brauchen. Denkt doch mal zurück. Wie oft schon, waren wir alle darauf angewiesen, dass sich jemand über uns erbarmt. Wie oft waren wir wie das Brot im Ofen, das schreit, oder wie der Apfelbaum, der geschüttelt werden will. Wie schrecklich wäre unsere Welt, wenn sich alle Mensch dann wie unsere Pechmarie verhalten würden: „Nö, das geht mich nichts an. Oder: Ach, da hab ich keine Lust zu helfen. Die hat mir auch noch nie geholfen...“

Der Weg, den Jesus uns zeigt, ist ein anderer. Er ist die Tür, zu einem Weg, der zur Weide führt, zu einem Leben, das wirklich glücklich ist. Es ist ein Weg, auf dem man sich auch aufhalten lässt. Von anderen Menschen, die Hilfe brauchen. Von Situationen, in denen wir gebraucht werden. Dieser Weg ist kein geradliniger Weg zum Erfolg. So wie eine steile Karriereleiter. Vielmehr ist es ein gemeinsamer Weg mit vielen anderen, den man zusammen geht und auf dem man aufeinander achtet.

Ich habe es vorher schon angedeutet. Es scheint uns gerade heute so, als ob in Wahrheit eher die Egoisten und Rücksichtslosen Erfolg im Leben haben. Doch das ist ein Trugbild. Zwar gibt es sicher viele, die so viel Geld verdienen, Karriere machen. Aber Erfolg in den Dingen, die für ein glückliches Leben wirklich wichtig sind, haben sie sicher nicht. Ich frage Sie und euch: hat jemand der rücksichtslos lebt auch selbst Menschen, auf die er sich verlassen kann? Wird jemand von anderen Menschen geliebt, der nur sich selbst liebt? Wird jemandem in der Not geholfen und getröstet, der selbst keinem anderen in der Not helfen will?

Liebe und Freundschaft. Ein Miteinander in gegenseitiger Rücksichtnahme, Respekt und Hilfsbereitschaft. Das sind die wahren Schätze des Lebens. Das ist die Tür zur Weide, also ein Leben, das dem Heiligen Geist entspricht. Und genau das ist im Märchen von Frau Holle auch mit dem Gold gemeint. Es geht nicht um den materiellen Reichtum. Unsere Goldmarie ist nicht so glücklich, weil sie einfach eine Menge Gold bekommt. Das wahre Geschenk ist die Fähigkeit in echtem Glück in Liebe und Zufriedenheit mit seinen Mitmenschen zusammen zu leben. Christus hat uns diesen Weg gezeigt. Er selbst ist die Tür zu diesem Weg.

Denn Gott hat uns allen gerade auch in der Taufe versprochen uns auf diesem Weg immer zu begleiten. Daran erinnert uns auch dein Taufspruch, lieber Max. „Und dennoch gehöre ich zu dir. Du hast meine Hand ergriffen und hältst mich.“ Dieser Gott ist also auf unserer Seite. In den guten und in den schlechten Zeiten. Wir werden hier erinnert, dass Max und wir alle mit Gott in diesem Geist der Liebe verbunden sind. Und diese Liebe sollen wir dann auch nach außen tragen.

Und wir alle sind dabei manchmal die Hirten, die ihre Schafe hüten. Nicht nur Pfarrer, Diakone, Politiker und ähnliche sind damit gemeint. Wir alle sind ein bisschen wie „Hirten“ die auf ihre Schafe, also auf ihre Mitmenschen, aufpassen. Und wir alle sind manchmal die Schafe, die darauf vertrauen, dass ein guter Hirte auf uns aufpasst.

„Ich bin die Tür, wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein und ausgehen und Weide finden.“ Also lasst uns auf Christus vertrauen. Gehen wir durch diese Tür.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.